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Dualität als künstlerisches Wirkungsprinzip |
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Alles hat zwei Gesichter - Menschen, Dinge, Begebenheiten. Als Mensch und als Malerin setzt sich Anette Lehmann-Westphal mit dieser Ambivalenz und den Dingen hinter der Fassade auseinander. Zweideutigkeiten werden im Malprozess auf der Bildoberfläche zur Gewissheit. Die Bildsprache Anette Lehmann-Westphals eröffnet Wahrheiten ohne persönliche Verletzung. Wer sich berührt fühlt, ist betroffen oder gar getroffen? Wer ein Bild heftig ablehnt, vielleicht um so mehr? Bilder treffen uns beim ersten Anblick im Unbewussten - mitten in unserem zweiten Gesicht. Wir können uns abwenden und die Künstlerin für den Missetäter halten. Oder wir können uns einlassen auf einen Dialog mit sekundären Bedeutungsschichten, die nicht immer angenehm und bequem sind. So wie im Werk "two faces". Es transportiert Emotionen: Wut, Frust, Schmerz - menschlicher Enttäuschung wird Ausdruck verliehen. Die harten Spachtelspuren, die Kratzspuren und die Terpentinüberreste lassen in eindrucksvoller Weise das emotionale Erleben der Künstlerin beim Malprozess spürbar werden. Doch nicht nur die Formensprache, auch die Bildfarbe wurzelt in der Seele der Künstlerin. "Körperliches Erleben drückt sich bei mir in Farben aus.", so Anette Lehmann-Westphal. Welcher Schmerz und Kampf Auslöser für das Werk " two faces" waren, kann man nur erahnen. In zahlreichen Werken der Künstlerin werden Kämpfe zwischen Mächten und Polen thematisiert. Beliebter Handlungsort ist dabei die Großstadt. In den Stadtlandschaften Anette Lehmann-Westphals findet sich formal das Spiel um Licht und Schatten und Licht und Geheimnis besonders reizvoll wieder. Sehr verschiedene Stimmungen, persönliche Erlebnisse werden zu Bildinhalten: blassblaue Wintertage, leuchtend gelbe, uns magisch anziehende, Begegnungen im Großstadtgetümmel. Die Künstlerin saugt die sie umgebenden äußeren Einflüsse förmlich auf und wandelt sie um in Bildenergie. Sie ermöglicht ihren Bildbetrachtern ein intensives Bilderlebnis. Spürbar und bestimmend für das Werk Lehmann-Westphals ist das künstlerische Untersuchen extremer Positionen. Die äußeren Einflüsse und die innerseelischen Gratwanderungen des Menschen und der Künstlerin Anette Lehmann-Westphal bilden die Grundlage für den Aufbau extremer Spannungsfelder im Werk. Sie selbst sagt: "Nichts lässt mich unberührt." Der immerfortwährende, in den letzten Wochen erschreckender denn je offen zutage getretene Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Großen als auch im Kleinen, ist der Motor für ihr künstlerisches Werk. Sehr sensibel ausformuliert erzählt sie vom Sein und Nichtsein, vom Werden und Vergehen, von Hoffnung und Enttäuschung, von Beständigem und Temporärem. Wobei in diesem Zusammenhang der Serie „Kapriziöse Sequenzen“ eine besondere Bedeutung zukommt. Im Werk Anette Lehmann-Westphals wird Dualität zum künstlerischen Wirkungsprinzip. Dualismus eröffnet Anette Lehmann-Westphal den Handlungsspielraum und bildet die Werkphilosophie. Charakteristisch ist dabei wiederum, dass ihre Werke durch eine permanente Suche bestimmt werden. Es werden im Werk zwar Botschaften und Wahrheiten ausformuliert, dennoch bleiben unbeantwortete Fragen im Raum stehen. An dieser Stelle ist der Rezipient gefordert. An genau dieser Stelle wandelt sich die Frage „Was verbirgt sich hinter den Dingen?“ in die Frage „Was verbirgt sich hinter mir?“. Das Werk mit seinen werkimmanenten Fragen kann plötzlich als Spiegelbild fungieren, zum „Man in the mirror“ werden. Der Ästhetiker Adorno nannte es auch etwas poetisch „Die Werke beginnen plötzlich ihre Augen aufzuschlagen.“ Voraussetzung dafür ist, das Sich – Selbst - Einbringen - auch: selbst zuzulassen, dass Fragmente aus dem Unterbewusstsein durch die Begegnung mit dem Werk zutage treten. Je mehr der Betrachter von sich selbst in ein Werk einbringt, um so intensiver wird der Dialog mit dem Werk sein. Der Wert der Kunst ist nicht an Dingen wie einem Verkaufspreis festzumachen, sondern an der Qualität der Kommunikation. Sehr fiktiv, sehr mutig und rein interpretatorisch sage ich an dieser Stelle: Es kann sich ein intensiver Dialog für den Einzelnen entwickeln, der die Einsicht eröffnet: wenn diese Welt ein besserer Ort werden soll, dann muss die Veränderung bei mir selbst beginnen. Wie kann ich selbst die Dämonen der Intoleranz, des nicht friedlichen, versöhnenden Denkens in Kräfte des Guten umwandeln? Sollte dies gelingen, wäre die Berufung der Künstlerin zur erfolgreichen Mission geworden. |
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Kathrein Weinhold Berlin im Oktober 2001 |